Vermutlich kennen Sie die Situation: trotz bester Absichten bekommen Sie Ärger oder gar handfesten Streit mit jemandem. Sie hätten nie vermutet, dass Ihr Gegenüber sich derart störrisch und unbelehrbar zeigt. Und das Verhalten, das Sie sich stattdessen wünschen ist in weite Ferne gerückt. Wie konnte es soweit kommen?
Falls Sie prinzipiell davon ausgehen, dass Ihr Gegenüber «eigentlich» ganz vernünftig ist, dann gibt es Hoffnung. Und zwar deshalb, weil Sie eventuell genau das beinahe vergessen haben.
Das Konzept, das ich hier beschreibe hat Paul Helwig, ein deutscher Psychologe, Philosoph, Theaterregisseur und Drehbuchschreiber schon im Jahr 1951 formuliert. Friedemann Schulz von Thun, ebenfalls Psychologe, hat
es später für die Praxis erschlossen.
Hier also 4 Schritte, wie Sie eine akute Konfrontation entschärfen können. Noch besser: wenn Sie sich diese Schritte zur Gewohnheit machen, muss es erst gar nicht zum Konflikt kommen!
Schritt 1: Finden Sie einen Namen für das störende Verhalten
Wertequadrat Schritt 1…ohne ihn auszusprechen, versteht sich. Das sollte der leichteste Schritt sein, denn wenn man leicht oder sogar schwer gereizt ist, liegt oft der Störfaktor als böses Wort förmlich auf der Zunge.
Ein Beispiel: Sie haben den Eindruck, dass Ihnen jemand permanent am Rockzipfel hängt und nicht einmal die einfachsten Entscheidungen selbst treffen kann oder will. Mit jeder Kleinigkeit kommt sie oder er zu Ihnen.
Geben wir dem Verhalten in diesem Beispiel den Namen «Unselbständigkeit».
Schritt 2: Was wäre das nicht minder schlimme, exakte Gegenteil davon?
Wertequadrat Schritt 2Denken Sie jetzt über das genaue, nicht minder schlimme Gegenteil des störenden Verhaltens nach.
Was würden Sie jemandem vorwerfen, der Sie nie in seine Entscheidungen einbezieht? Selbst wenn Sie davon betroffen sind? Oder wenn die Entscheidung in Ihre Kompetenz fällt, nicht in seine oder Ihre? Geben wir diesem Verhalten den Namen «Eigenmächtigkeit».
«Unselbständigkeit» und «Eigenmächtigkeit» sind zwei Seiten derselben, unschönen Medaille: das eine ist jeweils eine Überkompensation des anderen: wer Ihnen zu oft mit seiner Unselbständigkeit auf die Nerven fiel, kommt möglicherweise auch dann nicht mehr zu Ihnen, wenn sie oder er besser doch vorbeikommen sollte; wer zu oft über Ihren Kopf hinweg entschieden und sich deshalb Ärger mit Ihnen eingehandelt hat, hängt Ihnen möglicherweise ab morgen am schon erwähnten Rockzipfel und wartet Ihre Entscheidung ab.
Schritt 3: Was wäre das Körnchen Wahrheit im Gegenteil?
Wertequadrat Schritt 3Sie möchten also «Unselbständigkeit» nicht durch «Eigenmächtigkeit» ersetzt sehen. Wenn Ihnen Eigenmächtigkeit zu viel des Guten ist, welches Gute wird dann damit übertrieben?
Geben wir dem Verhalten in diesem Beispiel den Namen «Entscheidungsfreude». Entscheidungsfreude ist sicher etwas Gutes, aber wenn sie übertrieben wird, wird sie zur Eigenmächtigkeit.
Schritt 4: Was ist das Körnchen Wahrheit im störenden Verhalten?
Jetzt die Königsfrage: das Verhalten, das sie am Andern stört, ist die Übertreibung von was? Welches Verhalten wird zur «Unselbständigkeit», wenn man es übertreibt?
Nennen wir es «Rat suchen». Auch eine gute Sache.
Jetzt sehen wir plötzlich zwei gute Verhaltensweisen, «Rat suchen» und «Entscheidungsfreude», die sich offensichtlich die Balance halten sollten. Beide lassen sich übertreiben. Könnte jemand, der Sie mit vermeintlicher «Unselbständigkeit» nervt, eigentlich nur Ihren «Rat suchen»?
Das ist der Kerngedanke hinter Paul Helwigs Werteviereck in Friedemann Schulz von Thuns Fassung: störendes Verhalten ist nicht krank oder abwegig, sondern meist nur zuviel des Guten.
Das erklärt die Schärfe des Konflikts. Wer den Eindruck hat, man unterstelle ihm krankes oder abwegiges Verhalten hat es schwer, gelassen zu bleiben. Zu Beginn hatten wir angenommen, dass Sie prinzipiell davon ausgehen, dass Ihr Gegenüber «eigentlich» ganz vernünftig ist.
Wertequadrat Schritt 4Sie meistern die Situation, wenn Sie das ohne Wenn - und vor allem ohne Aber - ehrlich und aufrichtig anerkennen. Zum Beispiel so:
- «Ich freue mich immer, wenn ich Ihnen mit Rat und Tat helfen kann.»
- «Danke, dass Sie mich nach meiner Ansicht dazu fragen.»
- «Sie haben recht, zwei Paar Augen sehen da vielleicht mehr.»
Zeigen Sie dann, immer noch ohne das Aber, einen Entwicklungsweg vom störenden Verhalten zum gewünschten Verhalten. Das kann eines der beiden zu balancierenden Verhaltensweisen sein. Zum Beispiel:
- «In unseren Gesprächen habe ich festgestellt, dass Ihre Vorschläge immer Hand und Fuß hatten. Könnten Sie solche Entscheidungen, sagen wir, in den kommenden drei Wochen versuchsweise alleine treffen? Sie würden mich damit sehr entlasten.»
- «Mir scheint, wir kommen meistens zum selben Schluss. Besprechen wir uns am besten eher bei den kniffligeren Fragen, dann halte ich Sie auch nicht unnötig auf.»
Mehr?
Diesen Weg und andere Wege zur besseren Kommunikation finden Sie in Friedemann Schulz von Thuns Buch Miteinander reden, 3 Bde., Bd. 2: