Wahrscheinlich haben Sie im Lauf Ihrer Karriere eine ganze Menge verschiedenster Software benutzt, für die unterschiedlichsten Betriebssysteme. Ich auch. Viele von meinen Daten mussten im Lauf der Jahre allerhand Änderungen an der Infrastruktur überleben. Datenverluste, beschädigte Daten, Hersteller-Bankrotte, irrwitzige Upgrade-Zwänge & -Kosten kenne ich zur Genüge.
Meine Daten vor der Vernichtung zu retten blieb letztlich immer mein Job. Manchmal haben mich wenigstens Importfunktionen bei Migrationen unterstützt. Die Dinge änderten sich schneller und schneller und ich lernte die Bedeutung von Interoperabilität (schönes Wort!) kennen, das heißt: wie finde ich für meine Daten die schonendsten, alltagstauglichen Umwandlungswege von einer Anwendung zur anderen und wieder zurück. Mittlerweile ist nicht einmal mehr das schnell genug.
Open-Source Software (OSS) allein kuriert dieses Problem nicht, weil viele OSS-Anwendungen unter Plattform-Beschränkungen leiden: Auf einem Windows-Rechner hat man diese praktische Linux-Applikation nicht. Arbeitet man auf dem Mac, steht diese hilfreiche Windows-Applikation nicht zur Verfügung. Unter Linux kann WINE ausgerechnet die eine Windows-Applikation nicht ausführen, die man gerade braucht. Ist man gerade im Netz, sind die Dateien viel zu groß für effizientes Arbeiten. Und so weiter, im Kreis herum.
Deswegen habe ich exzellente Open-Source-Software schätzen gelernt, die solche Mauern niederreißt und einfach auf verschiedenen Plattformen läuft. Läuft. Nicht nur einfach portable «wäre», sondern wirklich portiert wurde: Applikationen, die man beruhigt auf allen seinen Computern installieren und auf Jahre hinaus verwenden kann, ob man online ist oder nicht, ob man auf ein neues Betriebssystem wechselt oder nicht, ob man sich jedes Jahr eine neue Maschine leisten kann oder nicht.
Ich habe beschlossen, für diese Art Software einen neuen Begriff zu prägen und hier zu erklären, was er bedeutet. In einem zweiten Teil dieser Mini-Serie werde ich einige phantastische Softwarepakete auflisten, die die Kriterien erfüllt.
Was ist also Ported Open Source Software (POSS)?
Ziele des POSS-Konzepts
Ziel des POSS_Konzepts ist es, einem durchschnittlichen Softwarebenutzer vernünftige Empfehlungen zu geben, welche Open-Source-Software (OSS) er auf allen weit verbreiteten Plattformen benutzen kann, die er tagtäglich verwendet. Die (gefühlte) weite Verbreitung bedeutet hier auch den Fokus auf Software, über die am meisten berichtet wird: Software für den PC, für Benutzer von PCs, die unter weit verbreiteten Betriebssystemen laufen.
POSS-Anforderungen, v0.3
Ported Open Source Software (POSS) erfüllt die folgenden vier Anforderungen:
- OSI-konforme Lizenz
Die Software steht unter einer Lizenz, die von der OSI als Open-Source-Lizenz anerkannt ist.
- Platformtreue
Bei jedem Release werden die ausführbaren Dateien gleichzeitig für alle unterstützten Plattformen bereitgestellt. - Datenangleichung
Alle mit einer gespeicherten Daten eines bestimmten Release können von jeder plattformspezifischen ausführbaren Datei desselben Release verarbeitet und wieder gespeichert werden. Falls Schnttstellen dazu erforderlich sind (z.B. Datenbanktreiber), so sind sie für alle unterstützten Plattformen verfügbar, ohne besondere Kosten. - Mainstream-Konformität
Für jedes Release sind ausführbare Dateien für zumindest Linux, OS X (TM) und Microsoft Windows (TM) verfügbar.
Unzulänglichkeiten des POSS-Konzepts
Bevor man das POSS-Konzept gutheißt, sollte man die folgenden Unzulänglichkeiten genau durchdenken:
- Die Plattformen, auf denen POSS läuft, müssen nicht einmal OSS sein. Das POSS-Konzept ist eine Untermenge des OSS-Konzepts, keine «virale» Lizenz.
- Der Gedanke eines Mainstreams ist diskutabel. Man könnte z. B. einwenden, dass Embedded-Systeme auf ihre Art viel mehr den Mainstream repräsentieren als der PC, zumindest gemessen an ihrer Zahl, die im Umlauf ist.
- Zwingend ist nur die Unterstützung für Linux, OS X (TM) und Microsoft Windows (TM). Das schließt z.B. BSD oder Free DOS aus. Ein erweitertes Prädikat wie POSS+ wäre denkbar, aber im Moment denke ich nicht über eine solche Option nach.
- Abwärtskompatibilität mit Blick auf die gespeicherten Daten wird nicht ausdrücklich verlangt. Mein Fokus liegt hier auf dem gleichzeitigen Arbeiten auf verschiedenen Systemen (synchroner Aspekt), nicht auf der Pflege historischer Daten (diachronischer Aspekt).
POSS-Grafiken
Im Anhang finden Sie einige POSS-Logos und Banner. Wenn Sie das Konzept unterstützen wollen: einfach herunterladen und auf Ihren Websites benutzen, wo immer es Ihnen passend scheint - verlinken Sie bitte zurück auf diese Seite.
Wenn sie das Konzept im Moment (noch) nicht unterstützen möchten: lassen Sie mich in den Kommentaren wissen, warum? Ich habe das Ganze bewusst als "v0.3" etikettiert.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| POSS Logo, 38x15 pixels (PNG) | 1.83 KB |
| POSS Banner, 200x15 pixels (PNG) | 11.89 KB |
| POSS Logo, 77x30 pixels (PNG) | 6.94 KB |
| POSS Banner 400x30 pixels (PNG) | 47.11 KB |
Kommentare
Offene Formate
POSS ist ein sehr netter, erster Schritt zu einer OS- und Software-unabhängigeren Welt. Wirklich unabhängig wird man aber erst, wenn man auf offene Datenformate setzt, welche dann mit verschiedensten Applikation bearbeitet werden kann. So wie das zum Beispiel OpenOffice mit (von der OASIS ausgearbeiteten) ISO-Standard OpenDocument oder ODF macht.
Standards
Hallo Reto,
d’accord! Offene, dokumentierte Dateiformate sind ein weiterer, wichtiger Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Dein Beispiel ODF wird wenigstens noch von einem weiteren Programm (KOffice) gut unterstützt, das entsprechende MS-Word-Plugin könnte man auch noch dazuzählen.
Für viele andere Daten gibt es noch zu wenig etablierte, offene Standards. Bei POSS hatte ich mich bewusst gegen eine Aussage zu Dateiformaten entschieden, weil ich denke, dass wir “irgendwie” auch mit dem heutigen Formatdschungel zurechtkommen müssen; ein Open-Source-Programm, das proprietäre Formate lesen und schreiben kann, ist mir aus rein pragmatischen (opportunistischen) Gründen derzeit noch lieber als eines, dass nur sein eigenes Format kennt. Das Beispiel PDF zeigt ja, dass ein Format sich auch öffnen und zum ISO-Standard werden kann.
Proprietäre Formate sind allerdings immer ein gefährliches Fahrwasser, wenn man an klassische Beispiele wie “Gimp und GIF” denkt…
Gruß
Rolf
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