Die 4-Stunden-Woche auf Deutsch: Interview mit dem Übersetzer Christoph Bausum


Ab März 2008 erhältlich: 4-Hour Workweek auf DeutschAb März 2008 erhältlich: 4-Hour Workweek auf DeutschIm März 2008 erscheint im Econ-Verlag «Die 4-Stunden-Woche: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben», die deutsche Übersetzung von Tim Ferriss' Bestseller «The 4-Hour Workweek». Nur 4 Stunden pro Woche arbeiten und trotzdem ein Leben voll Abenteuer und Luxus führen - wer träumt nicht davon?

Christoph Bausum hat das englische Original ins Deutsche übersetzt. Er lebt und arbeitet in Rosbach-Rodheim in der Wetterau, wo er sein Text- und Übersetzungsbüro the oversetter betreibt. Seine Online-Präsenz sucht man vergebens - wer ihn kontaktieren will, muss schon zum Telefon greifen. Christoph Bausum hat sich meinen neugierigen Fragen zu Ferriss' Buch und seiner Arbeit daran gestellt - hier kommt das Interview.

Frage: Herr Bausum, wie viele Stunden hat Ihre Arbeitswoche denn?

Christoph Bausum: das ist eine schwierige frage. ich habe mich vor etwa eineinhalb jahren als uebersetzer selbststaendig gemacht (uebersetzt habe ich aber vorher schon, nebenher), es aber noch nicht geschafft, eine routine zu etablieren und regelmaessige arbeitszeiten einzuhalten. das ist aber natuerlich nichts besonderes - das klassische schicksal des freiberuflers/einzelkaempfers beinhaltet nun einmal, dass ruhige und stressperioden miteinander abwechseln.

Sie schreiben in Ihren E-Mails konsequent alles klein, als Übersetzer sind Sie beim Arbeiten aber sicher dudenfest. Ist das ein stiller Protest - oder ist einfach nur Ihre Shift-Taste kaputt… ;-) ?

das ist einfach nur affektiertheit :-). nein, es ist ein relikt aus der eMail-fruehzeit, als ich mit eMail-systemen zu tun hatte, die keine umlaute darstellen konnten. und da das nicht ging (und ae, oe, ue mE einfach besser lesbar war als «&$%§8029") habe mir eben die transliterierten umlaute angewoehnt und zur abrundung auch gleich noch die grossschreibung weggelassen.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus - wenn es denn einen typischen gibt?

den gibt es nicht. in der regel stehe ich recht frueh auf, fruehstuecke mit den kindern und jage sie (sofern im entsprechenden alter) in die schule, danach geht es an den schreibtisch (im eigenen arbeitszimmer zuhause), wo ich versuche, einen regulaeren (+/- achtstunden) arbeitstag zu absolvieren. das unterliegt natuerlich der gefahr aller heimarbeiter - bei familiaeren notfaellen und anderen aktuellen anlaessen ist man (manchmal zu leicht) zur stelle, was man dann spaeter durch laengere arbeitstage und/oder wochenddienst buessen muss.

Was haben Sie über Ferriss' Methoden gedacht, als Sie das Buch zum ersten Mal durchgelesen hatten?

ueber die methoden habe ich interessanterweise gar nicht so konkret nachgedacht - obwohl ich das buch direkt nach erhalt etwa zu einem drittel am stueck durchgelesen habe. das ist insofern untypisch als ich in der regel nur kurz hineinlese und ueberfliege, um boese ueberraschungen auszuschliessen, also evtl. nachzuverhandeln, wenn ein grosser rechercheaufwand abzusehen ist oder auch einen auftrag abzulehnen, wenn es sich um ein richtig schlechtes buch handelt.

in diesem fall habe ich mich sofort festgelesen und war sehr positiv angetan von der tatsache, dass das buch a) wirklich gut geschrieben ist und b) erfrischend knallig und unkonventionell daherkommt - beides durchaus keine selbstverstaendlichkeit im erfolgsratgebersektor. das erhoeht den spass an der arbeit - und damit auch unweigerlich deren qualitaet.

Wären Sie als Übersetzer prädestiniert für Ferriss' «Liberation»? Für's Geldverdienen ohne festen Arbeitsplatz und ohne feste Arbeitszeiten?

nein, sicher nicht. das liegt aber gar nicht unbedingt nur an meiner taetigkeit, sondern ist eher individuell begruendet. natuerlich: feste arbeitszeiten sind in meiner situation - weil der kreative prozess sich nur schwer auf eine feste stundenzahl pro woche (ob das nun vier oder 40 oder 80 stunden sind) festlegen laesst - ebenso problematisch wie das outsourcen meiner haupttaetigkeit, dem «cultural transfer».

vor allem aber fuehle ich mich von dem globetrotter-lifestyle, den ferriss propagiert (und offenbar geniesst) nicht sonderlich angezogen. selbst wenn es mir moeglich waere, meine wochenarbeitszeit auf zwei stunden herunterzuschrauben, wuerde ich die freigewordene zeit lieber mit meiner familie und meinen freunden in meinem haus und dessen umgebung verbringen.

das ist vermutlich teilweise auch einem grundsatzlichen mentalitaetsunterschied zwischen amerikanern und deutschen geschuldet. ferriss nimmt ja gegen ende seines buches den (zunaechst einmal amerikanischen) leser auf beinahe ruehrende weise an der hand und versucht ihm die angst vor der auslandsreise bzw. dem auslandsaufenthalt zu nehmen und ihm handreichungen zu geben, die ihm diesen schritt erleichtern. ich meine das ueberhaupt nicht despektierlich, aber ich habe schon den eindruck, dass ferriss teilweise seine mission auch darin sieht, die amerikanische insularitaet ein stueck weit zu ueberwinden, indem er diesen lebensstil so offensiv vertritt.

Globetrotter fühlen sich sicher von Ferriss angesprochen. Verstreut finden sich im englischen Original aber auch Anekdoten über ganze Familien und, sagen wir mal, ältere Mitbürger - die 4-Stunden-Woche soll auch für diese Menschen machbar sein. Finden Sie das Buch an dieser Stelle etwas dünn?

nein, ueberhaupt nicht. ferriss unterstreicht zu recht, dass auch familien mit kindern erstaunliche moeglichkeiten offenstehen. dass er nicht extra darauf hinweist, dass dieser lebensstil (eben mal ein jahr lang um die welt segeln usw.) in der regel als once-in-a-lifetime-experience und nicht als dauerzustand gedacht ist, finde ich legitim. die von ferriss propagierte extreme form des «heute hier, morgen dort» ist ja nur eine moeglichkeit, wie man die fruechte der im buch dargestellten methode ernten kann (und als solche sicher fuer junge singles besser geeignet als fuer familien mit kindern, hunden, gebrechlichen eltern…), nicht die zwingende konsequenz.

«The 4-Hour Workweek» enthält ungewöhnlich viele Links auf Websites und scheint ganz auf die US-amerikanische Geschäftswelt abgestimmt zu sein. Haben Sie und der Verlag diskutiert, ob man deutschsprachige Äquivalente für die vorgestellten Websites suchen sollte? Wie übersetzt man so etwas ins Deutsche?

ich weiss, dass das lektorat des verlages da intensiv recherchiert hat, was sicher nicht leicht war, weil a) der englische sprach- und wirtschaftsraum ein wenig groesser ist als der deutsche und b) solche dinge wie «virtual assistants» hier bei uns gerade erst ins bewusstsein ruecken.

…die umfassende Recherche und die Anpassung an deutsche Verhältnisse wird viele Leser freuen. Einige (mich eingeschlossen) haben bereits Outsourcing-Versuche in so mancher Herren Länder hinter sich und sind gespannt…

damit wir uns da nicht missverstehen - die recherche hat stattgefunden, das weiss ich. inwieweit die rundum-anpassung an deutsche verhaeltnisse versucht wurde (und ggf. geglueckt ist), weiss ich nicht. mE haette in diesem fall das buch weitgehend neu geschrieben werden muessen und man darf nicht vergessen, dass wir hier ein stueck weit eine erfolgsgeschichte in den haenden halten, die ihre legitimation aus ferriss' biografie bezieht «schaut an, ich habe es getan und so geht es!». und was das ersetzen der anglophonen links durch deutsche pendants angeht, bin ich skeptisch, inwieweit es wirklich fuer alle links bzw. dienstleistungen eine deutsche entsprechung gibt. da bin ich wirklich dankbar, dass dieser teil nicht in meinen aufgabenbereich fiel (und enbenso gespannt aufs ergebnis wie sie).

klar ist aber: je weiter ein uebersetzter ratgeber von allgemeinen betrachtungen zu konkreten handlungsanweisungen kommt, desto genauer muss man hinschauen und nachjustieren. und da ist ja ferriss nachgerade ein extremfall - ich habe selten einen ratgeber in der hand gehabt, der so konkret bis in die details hinein handlungsanweisungen gibt.

Was ist denn zum Beispiel aus dem zentralen DEAL-Akronym (Definition, Elimination, Automation, Liberation) geworden? «Befreiung» klingt ja doch etwas sperrig…?

DEAL musste natuerlich bleiben. das ist ein beispiel fuer einen fall, wo auch in einem sachbuch sprachliche form und inhalt zumindest gleichwertig sind. und ausser in seltenen gluecksfallen, wo einem ein deutsches akronym einfaellt, das das englische ersetzen kann, muss das englische eben erhalten bleiben. die erste drei worte sind ja auch auf deutsch verstaendlich, lediglich «liberation» muss erklaert werden.

Musste bei der Übersetzung von «The 4-Hour Workweek» etwas auf der Strecke bleiben? Was ließ sich nicht «rüberbringen»?

es bleiben immer dinge auf der strecke, damit muss man als uebersetzer leben (eine runde mitleid…). oft sind das ganz banale dinge, etwa ein wort , das in einem buch eine besondere bedeutung/funktion hat, fuer das es aber in der zielsprache keinen feststehenden begriff gibt. in der regel aber kann man sich recht gut behelfen und auf der rein verbalen ebene bleiben die verluste sehr gering.

insofern koennte sich herr ferriss wohl nicht beschweren. dinge, die sich nicht direkt uebersetzen lassen, betreffen eher kulturelle unterschiede - etwa der bereits erwaehnte komplex des reisens (warum haben die amerikaner ein so ganz anderes verhaeltnis zum reisen als wir, wieviel urlaub hat ueberhaupt der durchschnittliche amerikanische arbeitnehmer usw.).

Wie halten Sie sich sprachlich fit? Sind Reisen ein Muß für Sie?

reisen ist schoen, aber kein muss (und schon gar nicht, wenn man sich aus beruflichen gruenden schon im voraus festlegt, wohin es gehen muss). ich lese krimis, belletristik und sachbuecher (zB rockmusiker-biografien) wenn es geht im englischen original, dvds haben heutzutage idr eine englische tonspur, auf langwelle oder, besser noch, im internet, kann man bbc radio4 empfangen, um gelegentlich englische nachrichten (und comedyprogramme) zu hoeren, die sueddeutsche hat eine englischsprachige beilage mit artikeln aus der new york times…
der moeglichkeiten gibt es viele - und im internet liest man notgedrungen ohnehin staendig englisch.

all das tue ich gelegentlich - auch hier muss ich allerdings der ehrlichkeit halber einraeumen: immer zum vergnuegen und nie aus pflichtbewusstsein. es ist ohnehin so, dass die wichtigste sprache, die der uebersetzer beherrschen muss, deutsch ist. solange ich das englische halbwegs sattelfest beherrsche, kann ich - auch hier leistet das internet unschaetzbare hilfe - beinahe alles, was mir auf den ersten blick raetselhaft erscheint, nachschlagen: fachtermini, jugendsprache, historischer slang, anspielungen auf amerikanische fernsehserien der 50er jahre ….. eine adaequate uebersetzung wird aber nur dann gelingen, wenn ich mit den sprachlichen feinheiten der zielsprache - also des deutschen - souveraen umgehen kann.

anders ausgedrueckt: auch jemand, der aus dem englischen original jede kleinste sprachliche nuance heraushoert, ist erst dann ein guter uebersetzer, wenn er auch im deutschen so fein differenzieren kann.

Es fällt auf, dass die deutsche Buchankündigung und der Buchtitel mehr den Spaß als eine radikale Lebensveränderung betonen - aus Ferriss' «Escape 9-5, Live Anywhere, and Join the New Rich» wurde nicht etwa «Raus aus dem Büro. Leben, wo Sie wollen. Der neue Reichtum.» sondern ein eher braves «Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben». Ist für Deutsche der Gedanke an einen Abschied vom Bürojob genau so angsteinflößend wie für US-Amerikaner eine Auslandsreise? Und macht Sie die Rücksicht darauf zu einem «taktischen» Übersetzer?

auf die gefahr hin, ihr weltbild gleich an mehreren stellen anzukratzen - den titel des buches mache ich gar nicht. meine aufgabe als uebersetzer ist, das buch moeglichst getreu ins deutsche zu uebersetzen, das gilt auch fuer den titel, untertitel usw.

was ueber den verkaufserfolg eines buches entscheidet (gewohnheitsmaessige bestsellerautoren einmal aussen vor), wissen wir beide: titel und covergestaltung, dann mit weitem abstand der klappentext und erst dann, wiederum mit weitem abstand, der inhalt. muss man nicht gut finden, ist aber so. insofern ist die entscheidung, welchen deutschen titel das buch letzten endes bekommt, von allergroesster tragweite. sie wird in allen verlagen, die ich kenne, in grosser runde diskutiert (programm, verkauf, marketing…). das laesst sich der verlag nicht aus der hand nehmen. und so heisst ein buch manchmal eben bei uns voellig anders als das englische oder amerikanische original. was aber, weil maerkte anders funktionieren und kunden anders ticken, durchaus sinnvoll sein kann. kann natuerlich auch in die hose gehen, aber das steht auf einem anderen blatt.

je nachdem, wie gut ich den jeweiligen lektor kenne bzw wie eng die zusammenarbeit ist, uebersetze ich einen titel eng (nicht: wortgetreu) oder frei bzw. beteilige mich in schwierigen faellen am brainstorming, welcher deutsche titel besser funktionieren wuerde als das, was der originalverlag (auch hier nicht unbedingt der autor) sich ausgedacht hat. und dabei geht dann durchaus auch manchmal «klingt gut» vor «trifft exakt die aussage des originals». dessen ungeachtet ist ihre spekulation, was wir aus dem deutschen titel des buches fuer die jeweiligen mentalitaeten herauslesen koennen, nicht ohne reiz…

Wenn der Inhalt so wenig Bedeutung hat, lassen Sie mich mal ketzerisch fragen: Warum macht das Marketing dann bei Titel, Untertitel und Umschlag halt? Man könnte doch gleich einen Mitarbeiter das Buch durchlesen und aus deutscher Sicht frei nacherzählen lassen, statt in eine Übersetzung zu investieren?

das ist zwar ketzerisch gefragt, geht aber ein wenig an der sache vorbei.

  1. natuerlich ist der inhalt wichtig. ist der leser mit dem inhalt zufrieden, dann kauft er evtl. ein weiteres buch dieses verlages oder dieses autors, er empfiehlt es weiter oder schreibt eine positive leserbesprechung bei amazon; ist er von beruf journalist, dann rezensiert er es vielleicht positiv. all das mag die verkaufszahlen weiter steigen lassen - und hoffentlich verhindern, dass kompletter schrott auf die bestsellerlisten gelangt (wir beide wissen, dass das nicht immer gelingt). aendert aber nichts daran, dass die KAUFENTSCHEIDUNG im buchladen (oder bei amazon) in den allermeisten faellen von anderen faktoren getrieben ist: aussehen, titel, evtl. platzierung auf einer bestsellerliste usw.
  2. bezieht das marketing fuer ein buch ja durchaus das argument ein, dass der inhalt nutzbringend/aufregend/nie dagewesen usw. ist. stehe ich jedoch als kunde im buchladen (oder bei amazon) vor sieben ratgebern zum gleichen thema, dann werden die das vermutlich alle fuer sich reklamieren. und dann … siehe oben.
  3. natuerlich gibt es auch den fall, dass ein verlag auf dem englischen/amerikanischen markt einen titel entdeckt, den er fuer interessant haelt, und sich dann von der idee "inspirieren" laesst und das fuer den deutschen markt selbst macht. das kann sogar gute gruende haben, wenn sich etwa die juristische situation in beiden laendern so sehr unterscheidet, dass eine uebersetzung nichts bringen wuerde. das schreibt dann aber kein "mitarbeiter des verlags" (die haben in der regel auch so genug zu tun), sondern ein freier autor. und der will idR auch bezahlt werden, insofern ist der finanzielle vorteil bei der sache uU gar nicht gegeben. und wenn es nicht allzu plump gemacht ist, muss es noch nicht einmal unbedingt aerger mit dem originalverlag geben (das wuerde es ohnehin vermutlich nur, wenn der seine lizenz auf dem deutschen markt ueberhaupt nicht los wird). im uebrigen gibt es auch "mischfaelle", in denen ein deutscher verlag eine englische/amerikanische lizenz einkauft, dabei aber gleich vereinbart, dass ein gewisser teil des buches speziell fuer den deutschen markt neu geschrieben wird. das kann interessant sein bei einem prominenten autor oder einem konzept, dass sich nicht imitieren laesst ohne zum plagiat zu geraten. (diese variante hat den zusaetzlichen vorteil, dass einem kein anderer deutscher verlag, der das original evtl. dann doch einkauft, in die quere kommen kann).

Herr Bausum, wir freuen uns auf den März - ganz herzlichen Dank für das Interview!


Kommentare

Super Interview!

Vielen Dank für das Interview! Finde ich sehr spannend, mal einen anderen Blick auf ein Buch zu sehen, nämlich den des Übersetzers. Für mich sind hier gar nicht die Aussagen zum Buch von Ferriss interessant, sondern die Hintergründe und Einblicke in die Welt eines Verlags. Trotzdem freue ich mich auf die Übersetzung, der ich sicherlich nicht widerstehen kann.

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