Stephen R. Coveys «Die 7 Wege zur Effektivität. Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg» ist keine schnelle Lektüre und will das auch nicht sein. Für Covey ist Erfolg die Frucht gewohnheitsmäßiger Charakterbildung, die sich mit Aussaat und Ernte vergleichen (und ebenso wenig abkürzen) lässt.
In einer achtteiligen Serie stelle ich die Konzepte des Buchs vor und was ich persönlich daraus gelernt habe. Hier kommt Teil 1 der Serie. Die ganze Serie im Überblick finden Sie hier.
Intro: Charakter ist Gewohnheitssache
Als Stephen R. Covey die amerikanische Wie-werde-ich-erfolgreich-Literatur der letzten 200 Jahre durcharbeitete, bemerkte er eine deutliche Trennline. Ältere Literatur behandelte im wesentlichen die Charakterbildung, die Literatur ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dagegen die Persönlichkeitsbildung. Er bewertet den Persönlichkeitsbildung als oberflächlich, weil sie seiner Meinung nach hauptsächlich auf Public Relations und eine herbeigeredete positive Geisteshaltung ohne entsprechendes Fundament ausgerichtet ist.
Prinzipien
Der Schlüssel zur Effektivität (das zu erreichen, was man sich vorgenommen hat) liegt für Covey also nicht im Auswendiglernen von Techniken, sondern in der Bildung des Charakters. Covey behauptet, es gebe universelle Prinzipien mit dem Charakter von Naturgesetzen. Es sei undenkbar, eine erfolgreiche Gesellschaft unter Missachtung dieser Prinzipien aufzubauen. Um die Prinzipien zu erkennen, müssen wir uns bewußt machen, durch welche Brillen (Paradigmen) wir die Welt betrachten. Erst dann können wir erkennen, wo wir bisher unsere internen «Landkarten» mit der Realität verwechselt haben. Die Realität aber ist von Prinzipien beherrscht wie Fairness, Anstand, Menschenwürde (im gleichen Sinn wie von Naturgesetzen - man kann ihnen also zuwiderhandeln, aber es kommt nichts Gutes dabei heraus). Werte sind eine subjektive Bevorzugung einiger Prinzipien, daher sind Werte auch keine geeignete Quelle der Charakterbildung - nicht fundamental genug. Man sollte seine Weltsicht, seine Paradigmen also an den unabänderlich gültigen Prinzipien ausrichten, um Echten Erfolg zu haben.
Die Wege zur Effektivität
Effektivität erreicht man nach Covey von innen nach außen, also zunächst über Selbstveränderung. Wer abhängig ist, muss zuerst unabhängig werden. Wer unabhängig ist, muss den Wert wechselseitiger Abhängigkeit (Interdependenz und dadurch mögliche Synergie) erkennen.
Coveys 7 Wege sind deshalb in drei Gruppen eingeteilt, erstens in den Sieg über sich selbst:
- Pro-aktiv sein
- Schon am Anfang das Ende im Sinn haben
- Das Wichtigste zuerst tun
Dann die Wege zum öffentlichen Erfolg:
- Gewinn/Gewinn denken
- Erst verstehen, dann verstanden werden
- Synergie schaffen
Und schließlich die Metaebene der Erneuerung:
- Die Säge schärfen
Wege sind Angewohnheiten
Die 7 Wege heißen im englischen original 7 Habits, also 7 Angewohnheiten. Der Buchtitel müsste also eigentlich lauten: Die 7 Angewohnheiten äußerst effektiver Menschen. Da es um Charakterbildung geht, greift Covey nämlich auf ein sehr bekanntes Zitat von Aristoteles zurück:
Herausragend zu sein ist eine Kunst, die man durch Übung und Angewöhnung erwirbt. Wir handeln nicht recht, weil wir Tugend besitzen oder herausragend sind, sondern wir sind so, weil wir recht gehandelt haben. Wir sind, was wir immer wieder tun. Herausragend zu sein ist also kein Akt, sondern eine Angewohnheit.
(Aristoteles)
Covey versteht eine Angewohnheit (oder einen Weg, um die deutsche Übersetzung zu bemühen) als den Punkt, an dem sich Wissen, Fertigkeiten und Wollen überschneiden: man weiß, wie etwas geht; hat gelernt, wie man es tut; und will es tun - also geschieht es wieder und wieder.
Aber nicht blindlings. Es gibt nicht Anrüchiges daran, seine materiellen, finanziellen und zwischenmenschlichen Bedürfnisse und Interessen zu verfolgen, solange man nachhaltig vorgeht. Da das Buch Ende der 80er Jahre geschrieben wurde, kommt Nachhaltigkeit als prominenter Begriff allerdings nicht vor. Covey spricht stattdessen von der Balance zwischen Produktion und Produktionsfähigkeit (Production Capability), der P/PC Balance. Einfach ausgedrückt: man schlachtet nicht die Gans, die goldene Eier legt. Man holt auch nicht rücksichtslos das Maximum heraus, sondern investiert ebenso viel in die Erhaltung der Produktionsfähigkeit wie in die Produktion selbst.
Mein Eindruck
Prinzipien, die so gültig und unabänderlich wie Naturgesetze sind, klingen mir sehr zweischneidig. Die Einleitung des Buchs scheint mir mehr ein Plädoyer für die richtige Wertewahl zu sein. An die unveränderliche Landschaft der Prinzipien muss man nicht glauben. Ich habe auch nicht alle Prinzipien hier angeführt, die Covey für unabänderlich richtig hält - es sind viele sogenannte Sekundärtugenden darunter.
Und weiter…
Hier geht es zu Teil 2 von 8: Pro-aktiv sein. Die ganze Serie im Überblick finden Sie hier.






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