Stephen R. Coveys «Die 7 Wege zur Effektivität» (3/8): Schon am Anfang das Ende im Sinn haben


Stephen R. Coveys «Die 7 Wege zur Effektivität. Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg» ist keine schnelle Lektüre und will das auch nicht sein. Für Covey ist Erfolg die Frucht gewohnheitsmäßiger Charakterbildung, die sich mit Aussaat und Ernte vergleichen (und ebenso wenig abkürzen) lässt.

In einer achtteiligen Serie stelle ich die Konzepte des Buchs vor und was ich persönlich daraus gelernt habe. Hier kommt Teil 3 der Serie. Die ganze Serie im Überblick finden Sie hier.

[Hinweis: Falls Sie Anhänger von David Allens Getting Things Done (GTD) sind, dann bietet Ihnen das hier besprochene Kapitel eine interessanten Anregung, wie man sein leben aus der 50.000-Fuß-Perspektive betrachten kann. Wenn Sie gerade mehr an den tiefer (kurzfristiger) angesiedelten Perspektiven interessiert sind, bietet Ihnen dieser Artikel vielleicht weniger.]

Führung versus Management

Management lernt sich leichter als Führung. Führung bedeutet, einen inneren Kompass zu entwickeln, während Management bedeutet, diesem Kompass zu folgen. Führung dreht sich um Effektivität (Ziele kennen und überhaupt erreichen), Management um Effizienz: Ziele mit möglichst geringem Mitteleinsatz erreichen.

Neben vielen anderen beispielen benutzt Covey hier die Analogie zu einer Leiter: Führung bedeutet, zu entscheiden, gegen welche Wand man die Leiter lehnt. Management bedeutet, die Leiter so schnell wie möglich hochzuklettern. Wenn die Leiter an der falschen Wand lehnt, führt auch exzellentes Management sicher nur zu Enttäuschungen. Alles wird also zweimal erschaffen: vor der «Schöpfung» in der Realität (Management) steht die «Schöpfung» im Kopf (Führung). Schon am Anfang das Ende im Sinn haben steht also für gelungene erste Schöpfungen, für Führung als Gewohnheit.

Führung lernt sich schwieriger als Management, weil es anstrengender ist, die eigene Mitte zu finden als sich dem Lebensplan anderer anzupassen, den «Umständen» Tribut zu zollen oder eingefahrene Gewohnheiten abzulegen. Ihre Mitte gibt Ihnen Sicherheit, Leitlinien, Weisheit und Energie an die Hand. Falsche Mittelpunkte verknüpfen die lebenswichtigen Faktoren Sicherheit, Leitlinien, Weisheit und Energie mit externen Dingen und Ereignissen, Sie werden damit anfällig für Manipulationen. Beispiele für falsche Mittelpunkte sind:

  • Ihre bessere Hälfte
  • Ihre Familie
  • Geld
  • Arbeit
  • Besitz (physischer und immaterieller, wie Prestige)
  • Spaß
  • Freund/Feind-Denken
  • Kirchengemeinde
  • Egoismus

Einige diese Mittelpunkte scheinen ziemlich verbreitet und unverdächtig. Was ist z. B. falsch daran, sein Leben an der Familie auszurichten? Covey meint, das führe zu starken Abhängigkeiten. Wenn sich Ihr Selbstwertgefühl im Wesentlichen aus Familientraditionen oder dem guten Ruf der Familie speist, dann hängt Ihr Sicherheitsgefühl davon ab und wird auch von denselben Dingen bedroht. Man muss auch nicht gerade das Familienbild der Mafia bemühen, um zu erkennen, dass Weisheit und gute Leitlinien nicht zwangsläufig aus Familientraditionen erwachsen. Last but not least: wenn Sie einmal für längere Zeit von Ihrer Familie getrennt sind, woher kommt dann Ihre Energie? Ähnliche Überlegungen gelten auch für die anderen falschen Mittelpunkte.

Ihre Mitte sollte stattdessen auf Prinzipien beruhen, und Covey zeigt eine Möglichkeit, wie Sie Ihre Mitte finden und zu Papier bringen können. Es beginnt damit, die Rollen wahrzunehmen, die Sie im Leben haben und damit verknüpften Verantwortungsbereiche und Ziele: Vater oder Mutter, Nachbar, berufliche Rollen, und so weiter.

Als ein (etwas makaberes) Gedankenexperiment schlägt Covey vor, sich die Trauerfeier während der eigenen Beerdigung bildlich vorzustellen. Stellen Sie sich vor, wer alles gekommen ist und welche Rollen Sie im Leben anderer eingenommen haben. Was sollen diese Menschen am Ende über Sie sagen? Über Ihren Charakter, darüber, was Sie für andere getan haben und was Sie im Leben erreicht haben? Schreiben Sie Ihre eigene Grabrede. Lassen Sie Ihre Phantasie spielen und spüren Sie Ihren Wertvorstellungen nach.

Ihr persönlicher «Einsatzbefehl»

Sobald Sie wissen, was andere einmal im Rückblick auf Ihr Leben über Sie sagen sollen, können Sie etwas Definitives über Ihre Mitte zu Papier bringen. Das geht einfacher, wenn das Resultat eine Art persönlicher Einsatzbefehl ist - Sicherheit, Leitlinien, Weisheit und Energie werden am meisten für das handeln benötigt, weniger für statisches Grübeln. Formulieren Sie

  • persönlich: es macht keinen Sinn, über andere oder die «Menschheit» zu sprechen.
  • positiv: Ihr Einsatzbefehl beschreibt nicht, was Sie vermeiden wollen, sondern was Sie erreichen wollen.
  • im Präsens: sprechen Sie darüber, was Sie jetzt tun wollen, nicht darüber, was Sie in der Vergangenheit hätten tun sollen oder was Sie «irgendwann einmal» tun wollen.
  • bildhaft: formulieren Sie anregend für Ihre Phantasie, damit Sie einen Vorgeschmack auf den Erfolg bekommen.
  • emotional: formulieren Sie motivierend.

Denken Sie so umfassend wie möglich über Ihre Rollen nach. Wo immer Sie wiederholt Menschen treffen, verstecken sich ein oder mehrere Rollen. Nehmen Sie an, Sie hätten nur noch ein jahr zu leben. Stellen Sie sich Hochzeitstage vor, oder wie Sie in Rente gehen, oder ganz andere Meilensteine im Leben und Sie werden noch mehr Stoff zum Nachdenken finden. Was würden Sie zu diesen Zeitpunkten gern über sich selbst sagen können?

Als Ergebnis wird Ihr persönlicher «Einsatzbefehl» zum Drehbuch Ihres Lebens - eines, das Sie selbst geschrieben haben, nicht Ihre Eltern, Ihre Umgebung, Ihre Gene oder «die Gesellschaft».

Mein Eindruck

Wenn man über seine Ziele und den sprichwörtlichen Sinn des Lebens nachdenkt, kann es den Horizont erweitern, wenn man über seine Rollen nachdenkt. Covey hat das etwas übertrieben: er schlägt vor, diesen Ansatz auch auf die Familie und ganze Unternehmen auszuweiten. Natürlich ist es gang und gäbe, Visionen und mission statements für Unternehmen zu formulieren, aber die sind selten das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen. Ich glaube weder daran, dass zwei Menschen ein solches gemeinsames Statement wirklich gleich verstehen, noch dass sie sich auf längere Sicht daran gebunden fühlen. Für deutsche Ohren klingen Worte wie Mission oder Einsatzbefehl auch nicht wirklich positiv.

Abgesehen von diesen Begriffen macht es aber Spaß, den Mission Statement Builder auszuprobieren.

Und weiter…

Hier geht es zum Teil 4 von 8 der Serie: Das Wichtigste zuerst tun. Die ganze Serie im Überblick finden Sie hier.

 


Kommentare

Eindruck

Hallo,

ich glaube nicht dass Covey bei der Definitionsausgehnung von persönlichen Rollen auf Familie und ganze Unternehmen übertreiben hat.

Die Rollendefinion von Individuen funktioniert - wie in der Praxis bereits vielfach bewiesen - genauso gut bei Organisationen. Welche Rolle nimmt z.B. Mc Donald’s in unserer Gesellschaft ein? Die fürsorgliche Mutter, die einen ernährt und bei der sich jeder wohl fühlt?

Familien funktionieren im Grunde nicht viel anders als kleine Unternehmen. Es gibt eine handvoll an Mitgliedern, von denen jeder seine Rolle einnimmt.

Hier mal ein Buch, welches näher beschreibt wie sich Organisationen in Zukunft entwickeln könnten. Ist übringens sehr lustig geschrieben:
http://www.waldemar-erdmann.de/buch/lean-brain-management/

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