VANITY TOYS charm bracelet (detail) © briserisvegliWarum ist es so schwierig, einen freien Platz oder Raum auch wirklich frei zu halten? Warum füllen sich freie Oberflächen innerhalb kürzester Zeit mit allerhand Krimskrams? Weshalb wandern Gegenstände wie von Geisterhand zielsicher an genau die Stellen, die wir gerade erst geleert und gesäubert hatten?
Es geht um mehr als nur ums Aufräumen und Putzen.
Wir glauben zwar, mit dem Aufräumen einen Freiraum zu schaffen, doch wir schaffen letztlich nur ein Vakuum. Der Unterschied?
Horror Vacui
Ein Vakuum ist ein Freiraum ohne Sinn. Und jedes Vakuum füllt sich mit fremden Zwecken oder mit Nichtigkeiten. Wir ertragen es sonst einfach nicht, weil uns der Horror Vacui ergreift und nicht mehr los lässt. Die Wikipedia definiert ihn so:
Horror vacui (lateinisch: Abscheu vor der Leere) bezeichnet die Hypothese, dass die Natur vor leeren Räumen zurückschrecke. Deshalb seien leere Räume bestrebt, Gas oder Flüssigkeiten anzusaugen, damit sie eben nicht mehr leer seien.
Aber wie gibt man einem Vakuum einen Sinn? Wie macht man es zum Freiraum? Oder: wie entdeckt man den Sinn, den man bisher übersieht?
Machen Sie es eine Nummer kleiner
Je kleiner ein Freiraum ist, desto seltener wird er mit einem Vakuum verwechselt. Hier kollidiert unser Liliputaner-Blick auf die große Welt mit John Maedas Sechstem Gesetz der Einfachheit:
«Was sich an der Peripherie der Einfachheit befindet, ist definitiv nicht peripher.»
Lassen Sie diesen Satz auf sich wirken. Die freie Fläche um die Bedienelemente eines iPod herum gehört den Bedienelementen. Allenfalls Paris Hilton würde ihn mit Swarovski-Kristallen bekleben (lassen).
Das Fensterbrett unter der Vase mit der einzelnen Blume darin gehört der Blume - und wird oft auch frei belassen. Die Wandfläche um ein schlichtes Bild herum gehört diesem Bild - wird aber nur selten für diesen Zweck frei gehalten. Je größer der Freiraum, desto peripherer und zweckfreier erscheint er.
Es ist leichter, einige kleine Freiräume statt eines großen zu schaffen.
Leben Sie im Überfluss 2.0
Je kürzer ein Freiraum frei bleibt, desto weniger wird er mit einem Vakuum verwechselt. Der längste Freiraum des Menschen ist sein Leben, und das macht uns besonders anfällig für das größte, das existenzielle Vakuum:
es mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich das Sinnlosigkeitsgefühl immer mehr ausbreitet. (…) Wenn ich gefragt werde, wie ich mir die Herkunft dieses existentiellen Vakuums erkläre, dann pflege ich die folgende Kurzformel anzubieten: Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muß, und im Gegensatz vom Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wissend was er muß, noch wissend was er soll, scheint er nicht mehr recht zu wissen was er will.
Viktor Frankl (1905-1997), Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn
Wir versuchen, dieses existenzielle Vakuum mit Sinn und Zweck zu füllen. Gegenstände bieten sich dafür an. Große, teure Gegenstände erscheinen buchstäblich larger than life:
I'm on my way I'm making it, huh!
I've got to make it show yeah, hey!
So much larger than life
I'm gonna watch it growing
Hey hey hey heyThe place where I come from is a small town
They think so small, they use small words
But not me, I'm smarter than that,
I worked it out
I'll be stretching my mouth to let those big words come right outI've had enough, I'm getting out
to the city, the big big city
I'll be a big noise with all the big boys, so much stuff I will own
And I will pray to a big god, as I kneel in the big churchPeter Gabriel, Big Time
Weil wir so viel Platz aber nicht haben, wirken all unsere Käufe noch nicht einmal wie Statussymbole - zum Symbol fehlt ihnen der Freiraum, der die Objekte aus der Masse hervorhebt.
Konzentrieren Sie sich auf Ihre Träume von Tun und Sein (Lernen), nicht auf das Haben. Schätzen Sie Ihren Freiraum zu hause als die Möglichkeit, mehr tun und sein zu können, weil Sie weniger Ballast haben. Praktizieren Sie Überfluss 2.0, wie es Clay Collins von The Growing Life nennt:
Überfluss 2.0 bedeutet, dass Sie ein radikal authentisches Leben führen; radikal sich selbst treu sind; dafür bezahlt werden, Sie selbst zu sein; Dinge los werden, die Sie los werden müssen; und dabei immer noch genügend an Besitz zu haben, um selbst glücklich zu sein und Ihre Familie glücklich zu machen. Überfluss 2.0 ist, wenn Ihr Leben so großartig ist, dass Sie gar keinen Privatjet brauchen könnten.
Schauen Sie genauer hin. Oder genauer weg.
Aniu, qanikcaq, qanisqineq, nutaryuk, qetrar, muruaneq.
Alles klar?
Das sind 6 Inuit-Wörter für das, was wir einfach Schnee nennen. Je nachdem, ob er am Boden liegt, auf dem Wasser schwimmt, frisch auf den Boden gefallen ist, schon eine Kruste gebildet hat oder weich und tief ist.
Je intensiver wir uns mit einem vermeintlichen Vakuum beschäftigen, desto öfter erkennen wir einen bisher übersehenen Freiraum. Wir lernen, darin Muster zu erkennen, sie zu benutzen und dafür Worte zu finden, damit wir darüber sprechen können.
Nicht jede Weite ist einfach nur eine leere Fläche. Und nicht jeder Quadratmeter ist einfach nur ein verfügbarer Quadratmeter, ein Beweis für vermeintlich schlecht genutzten Platz. Der Freiraum kann einen Zweck haben, den Sie nur intuitiv erspüren können.
Betrachten Sie zum Beispiel diesen toten Innenhof, von allen Seiten von Wänden umgeben, ohne jeden Windfang oder Zwischenraum zwischen Drinnen und Draußen und mit nur einem Weg hinaus.
An diesem Ort gibt es einen Konflikt der Kräfte. Menschen wollen hinaus gehen, aber ihre Angst, wegen der sie einen Ort nur halb draußen suchen, hält sie zurück.
Sie möchten draußen bleiben, aber die klaustrophobe Atmosphäre und das Eingeschlossensein treibt sie wieder hinein. Sie wollen gern dort sein, aber das Fehlen von Pfaden durch den Innenhof lassen ihn tot und verlassen wirken, wenig einladend. Tendenziell füllt sich der Hof eher mit abgestorbenen Blättern und vernachlässigten Pflanzen. Ein solcher Platz führt die Menschen nicht zum Leben. Stattdessen verursacht er Anspannung, er frustriert sie und hält ihre Konflikte lange am Leben.
Christopher Alexander, The Timeless Way of Building
Machen Sie etwas lebendig
Was ist der Unterschied zwischen einem Bodenbelag und einem Teppich? Ein Bodenbelag ist der vergebliche Versuch, ein Vakuum zu verstecken. Weil er nur Belag ist, spendet er keinen Sinn. Er ist die Fortsetzung des Vakuums mit anderen Mitteln, die Plastikplane über der Leiche, die nichts wirklich verbirgt, sondern aus jeder Falte Tatort! Tatort! schreit.
Je lebendiger ein Freiraum wirkt, umso weniger wird er mit einem Vakuum verwechselt.
Ein Teppich ist eine Blumenwiese inmitten der Sandwüste. Er bildet keine echte Barriere, steckt aber dennoch einen Garten ab. Kurios: je näher die Teppichränder an die Wände reichen, desto lebloser wirkt der aufgespannte Garten, gleich welche Motive der Teppich zeigt.
Verstecken Sie nicht, sondern verändern Sie. Machen Sie ein Vakuum zur Blumenwiese. Ersetzen Sie den Bodenbelag durch einen Teppich. Machen Sie die Nasszelle zum Bad und die Küchenzeile zum Gedicht.
Wohnst du noch oder lebst du schon?
IKEA
Noch mehr Gründe?
Kennen Sie noch andere Gründe, warum Menschen alles voll stopfen? Schreiben Sie doch gleich hier unten einen Kommentar!
Hier erwähnt…
Kommentare
Fülle
Als Künstlerin bin ich ständig dabei meine Flächen, Wände, Ordner, Bodenfläche etc. leer zu räumen…. ich brauche den Freiraum… weil… ich eben dann alles wieder neu füllen, kann, mit Bildern, Collagen, Skizzen, Fotos. Ebbe und Flut. Ich genieße beides, das Leeren und das Füllen. Leere ist für mich Inspiration.
"Leere ist für mich Inspiration... Ebbe und Flut"
Ein schöner Satz, gefällt mir sehr gut.
Ich fühle mich in einer
Ich fühle mich in einer vollen Wohnung nicht wohl. Ich brauche einen schon fast sterilen Raum um gut und gründlich arbeiten zu können. Mein Mann hingegen braucht das Chaos und die Fülle. Ihm geht es erst richtig gut, wenn alles voll ist mit Bildern und Gegenständen. Allerdings finde ich es schon auch schön, wenn man neue Gegenstände in die Wohnung holt. Die Erklärung und Erläuterung in diesem Blog zu diesem Thema ist wirklich toll. Schön geschrieben und regt zum nachdenken an.
Toller Artikel, ich werde
Toller Artikel, ich werde gleich mal durch meine Wohnung gehen und sehen wo ich noch etwas Freiraum schaffen kann. Mit der Zeit sammelt sich ja so viel Zeug an das man nicht wirklich braucht und das sinnvolle könnte man bestimmt besser verstauen.
ausmiesten
Ich mache alle paar Monate Trödelmarkt so sammelt sich erst gar nicht so viel miest an und man hat noch ein paar Taller in der Tasche und kann neues kaufen was man nicht braucht. Stichpunkt Kosumgesellschaft bzw. Materialisten.
Alle 3 Jahre
Alle Jahre miste ich die komplette Wohnung aus. Das ist dann meistens mal locker nen halber kleiner Sprinter voll mit Kram der sich in der Zeit angesammelt hat. Ich kann das nur jedem empfehlen. Nichts desto trotz achte ich darauf, dass die Wohnung nicht “Seelenlos” wird. Sowas sieht man ja auch hin und wieder. Nichts drin in der Bude außer ein Sofa und nen Plasma an der Wand. Das ist auch nicht schön.
Viel Freiraum
Ich wohne alleine in einer 60 qm großen 2 1/2 Zi Wohnung und habe viel Freiraum. Ich versuche garnicht mir viele Dinge anzuschaffen, weil ich mir diesen Freiraum bewahren möchte. Denke das wirkt sich auch positiv auf mein Denken aus…
Nachdem ich gerade Frau
Nachdem ich gerade Frau Kingstons Feng Shui Buch gelesen habe, bin ich über GTD _erneut_ hier gelandet und muss sagen: der Artikel ist wirklich klasse!
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