Stephen R. Coveys «Die 7 Wege zur Effektivität. Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg» ist keine schnelle Lektüre und will das auch nicht sein. Für Covey ist Erfolg die Frucht gewohnheitsmäßiger Charakterbildung, die sich mit Aussaat und Ernte vergleichen (und ebenso wenig abkürzen) lässt.
In einer achtteiligen Serie stelle ich die Konzepte des Buchs vor und was ich persönlich daraus gelernt habe. Hier kommt Teil 2 der Serie. Die ganze Serie im Überblick finden Sie hier.
Zwischen Stimulus und Reaktion: Pro-aktiv sein
Den wesentlichen Unterschied zwischen Tier und Mensch sieht Covey darin, dass der Mensch selbst in der Hand hat, wie er auf einen Reiz (Stimulus) reagieren kann. Das ist für ihn der tiefere Sinn von Verantwortung: Ver-Antwortung - den Reiz in eine Antwort umzuwandeln, nicht nur in eine Reaktion. Die Antwort wird geprägt von mehreren Faktoren (oder besser: sollte geprägt werden)
- Bewusstsein seiner selbst - Menschen können sich selbst wahrnehmen und das, was sie tun als ihr Handeln;
- Fantasie - Menschen können neue Antworten finden;
- Gewissen - Menschen haben ein grundsätzliches Gespür für richtig und falsch;
- Freier Wille - Menschen müssen nicht B sagen, nur weil der Reiz A war.
Und mehr ist möglich: statt einen Reiz abzuwarten, kann der Mensch auch selbst die Initiative ergreifen. Pro-aktiv zu sein bedeutet für Covey beides: die Verantwortung für sein Tun und die Initiative zu übernehmen. Wer sich dagegen determiniert glaubt, ob durch «die Gene», «die Eltern» oder «die Gesellschaft», der macht sich zum Opfer.
Dieses Opferdenken zeigt sich in vielen Symptomen:
- Das Bewusstsein seiner selbst ist eingeschränkt auf das, was «die Anderen sagen» - objektiv ist das nicht. Andere haben ihre eigenen Ansichten und (momentanen) Interessen und projizieren sie auf ihr Gegenüber, oft unbewusst. Wer diese Projektionen ungefiltert akzeptiert, erkennt statt seiner selbst eher ein Zerrbild wie aus einem Spiegelkabinett.
- Die Sprache trieft von Floskeln, die fehlende Handlungsmöglichkeiten signalisieren sollen. «Ich kann nicht», «man lässt mich nicht», «So bin ich einfach» sind Beispiele dafür.
- Verantwortung für Entscheidungen wird auf andere transferiert.
- Die eigene Ohnmacht wird schließlich zur selbst erfüllenden Prophezeiung, wer sich ständig ohnmächtig redet und denkt, wird initiativlos. Auch die Umwelt beginnt, solchen «Opfern» weniger zuzutrauen. Die Reaktion darauf ist wieder ein «Siehst Du, ich kann ja gar nicht(s). Man lässt mich nicht.»
Kreise ziehen, Einfluss nehmen und mehren
Coveys Charakterethik unterscheidet sich vom viel beschworenen Positiven Denken auch durch den Blick auf die Realität, vor einer Antwort. Covey propagiert nicht platt und oberflächlich eine «positive Grundeinstellung». Er stellt stattdessen unermüdlich die Frage, wie es weitergeht - gerade wenn man mit Blick auf die Realität ernüchtert ist oder der Mut sinken will.
Eine Empfehlung zum Dauerlächeln im Buch nicht zu finden, dafür eine klare Unterscheidung zwischen machbar oder nicht:
- Der Kreis dessen, was wir beeinflussen können, verglichen mit dem
- Kreis dessen, was uns betrifft oder betroffen macht.
In der Regel, so Covey, ist unser Einfluss nicht so groß wie das, was uns betrifft oder betroffen macht, sondern nur eine Teilmenge davon. Pro-aktive Menschen gehen mit dieser Differenz anders um als Opferdenker.
- Opferdenker konzentrieren sich wesentlich auf das, was sie betrifft oder betroffen macht, ohne dass sie (noch) Einfluss darauf hätten. Betroffenheit (im doppelten Sinn) ohne Einfluss ist das Ergebnis. Das Denken kreist um Fehler und Schuld. Darum, was man nicht haben konnte, kann oder können wird. Dass man etwas muss und soll statt kann. Der Kreis der Dinge, von denen sie betroffen sind und die sie betroffen machen wächst so, der Einfluss schrumpft wie ein nicht trainierter Muskel.
- Pro-aktive Menschen reagieren anders auf die Realität, sie konzentrieren sich auf den Kreis der Dinge, die sie beeinflussen können. Darauf, ihre gegebenen Versprechen und zugesagten Pflichten einzuhalten und das, was sie sein können und wollen. Sie streben auch danach, den Kreis der Dinge zu vergrößern, die sie beeinflussen können. Damit gestalten sie sich Ihre Umwelt weitest möglich, statt sie nur zu beklagen.
Coveys erste drei Wege (Pro-aktiv sein; Schon am Anfang das Ende im Sinn haben; Das Wichtigste zuerst tun), alle aus der Kategorie der privaten Siege, zielen daher auf die Vergrößerung des eigenen, direkten Einflusses.
Der indirekte Einfluss auf andere ist Thema der drei folgenden Wege zum öffentlichen Erfolg (Gewinn/Gewinn denken; Erst verstehen, dann verstanden werden; Synergie schaffen). Statt zu beklagen, was andere nicht tun oder falsch tun, sollte man lieber ihre Schwachpunkte kennen und kompensieren lernen. Covey sieht hier viel Potential besonders dort, wo das Opferdenken sich auf echtes und vermeintliches Fehlverhalten von Führungskräften konzentriert. Zeigt man sich als zuverlässige, vorausschauende Kraft, dann werden nicht nur Probleme lösbar, sondern es vergrößert sich dadurch auch automatisch der eigene Einfluss.
Wo man gar keinen Einfluss hat, und das ist seltener als man denkt, macht Opferdenken keinen Sinn oder ist sogar gefährlich bis lebensbedrohlich; für den Moment muss die Ohnmacht akzeptiert und dennoch die Freiheit bewahrt werden. Covey führt als extremes Beispiel den Neurologen und Psychiater Viktor Frankl an, der seine Erfahrungen im Konzentrationslager in seinem Buch Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. verarbeitet hat. Frankl bewahrte seine innere Freiheit, indem er erkannte, dass seine Peiniger zwar mehr Handlungsspielraum hatten, er selbst aber mehr Freiheit.
Mein Eindruck
Wirklich stark ist das Kapitel zur Proaktivität immer dann, wenn es deutlich macht, wie man unterscheidet zwischen Opferhaltung und tatsächlicher Ohnmacht. Ohnmacht kann, wie Covey zeigt, durchaus akzeptiert und überwunden werden, weil die alternativen Verhaltensweisen eben noch schlechter wären.
Zu Beginn des Kapitels stört mich ein wenig die Überheblichkeit, mit der der Mensch anderen Lebewesen als überlegen dargestellt wird. Schon die Reizfilterung existiert auch bei Tieren, ein simples Stimulus-führt-zur-Reaktion gibt es auch dort nicht.
Und weiter…
Hier geht es zu Teil 3 von 8: Schon am Anfang das Ende im Sinn haben. Die ganze Serie im Überblick finden Sie hier.