Search of Amber © Maciek PelcNach welchen Wertvorstellungen leben Sie eigentlich? Falls diese Frage Sie kalt erwischt, geht es Ihnen ähnlich wie mir. Es wäre mir noch vor wenigen Jahren kaum in den Sinn gekommen, mir dazu eine Liste zu machen oder gar, wie von Stephen R. Covey empfohlen, einen persönlichen Einsatzbefehl (Mission Statement) dazu zu formulieren.
Aber wie wird man sich über die eigenen Wertvorstellungen klar? Sicher nicht mit Hilfe einer Liste aller jemals propagierten Werte, zwecks geneigter Auswahl. Nutzen Sie stattdessen einfache Auslöser aus Ihrem Leben, die Sie zum Nachdenken bringen. Das können direkte Wege hin zu Wertvorstellungen sein, zum Beispiel:
- Über Bewunderung nachdenken
Wem habe ich in der letzten Zeit viel Erfolg gewünscht, vielleicht ohne es auszusprechen? Und wer davon war nicht berühmt? Wem höre ich gerne zu und warum?
Bauen Sie Ehrfurcht ab, machen Sie sich klar, dass viele bekannte Vorbilder nicht berühmt sein wollen, sondern etwas tun, weil sie es einfach tun müssen, weil sie von ihren Wertvorstellungen förmlich dazu gezwungen werden. - Über Rollen nachdenken
Welche Rollen spiele ich in meinem Leben mit Freude? Tochter, Sohn, Vater, Töpfer, Teamleiter, Trainer, Vereinsvorstand, Chorsänger, Gemeinderatsmitglied …? Warum? Was macht mich froh, wenn ich in diesen Rollen handele? Was repräsentiert Werte und Prinzipien, die ich nicht wirklich vertrete und was wären dazu die besseren Alternativen? - Über Wunschträume nachdenken
Ich wollte nie Lokführer, Astronaut oder Rennfahrer werden. Wirklich nicht, das fand ich schon als Kind ziemlich kitschig und klischeebeladen. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ob und warum Sie sich zu etwas weniger Spektakulärem hingezogen fühlen? Was wollen Sie tun oder sein, und warum? Was sind Ihre haltbarsten Wunschträume, und welche Werte dahinter sind die «Konservierungsstoffe»? - Über Flow-Momente nachdenken
Wann bin ich das letzte Mal völlig in einer Arbeit aufgegangen, habe Zeit und Raum um mich dabei vergessen? Was hat mich so eingenommen? - Über Glücksmomente nachdenken
Wann war ich das letzte Mal so glücklich, dass mein Magen fast rebelliert hat? Was hat diese Momente möglich gemacht?
Es gibt natürlich auch indirekte Wege, mehr über die eigenen Werte herauszufinden. Wenn man diese Wege geht, sollte man aber die Technik der 5 Warums verwenden: geben Sie sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden, sondern fragen Sie zu jeder Antwort erneut: Warum? Etwa nach fünf Zyklen sollte sich Ihre Antwort stabilisieren, dann sind Sie (hoffentlich) am wahren Wert angekommen.
An indirekten Wegen zum Wert fallen mir ein:
- Über Konfrontationen nachdenken
Was ist zum Beispiel Freiheit? Frei nach dem Diktum «Wer sich nicht rührt, spürt seine Ketten nicht» glauben manche, Freiheit sei die Pflicht, das zu tun, was andere Ihnen verbieten wollen. Freiheit als eine Art Multiplikation mit -1: «Ach, Deine Eltern sind äußerst religiös? Prima, dann ziehst Du Dich am besten pechschwarz an, meidest ab sofort das Sonnenlicht und hängst Deine Wandkreuze mit dem Kopf nach unten auf.»
Das ist nicht wirklich souverän. Wenn wir demonstrativ gegen etwas ankämpfen, ergreift es am Ende Besitz von uns. Schauen Sie nur mal Joschka Fischer an.
Freiheit bedeutet, souverän das Richtige tun zu können, sogar wenn es den eigenen Eltern, dem Papst oder der Gesellschaft gefallen würde. Was ist für Sie das Richtige? - Über Zynismus oder Sarkasmus nachdenken
Zynismus und Sarkasmus sind immer (immer!) ein Signal für verletzte Werte. Wenn Sie die Fernsehserie Dr. House kennen, wissen Sie, was ich meine. Nur Mut - Gedanken lesen ist (noch) nicht möglich, Sie können sich also Ihre sarkastischsten Momente wieder vor Augen führen (ob Sie dabei tatsächlich zu jemandem etwas gesagt haben oder nur in Gedanken) und mit den 5 Warums Ihren verletzten Werten auf die Spur kommen. - Über Paranoia nachdenken
Ja, die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Manchmal lächle ich über mich selbst, wenn gute Freunde sich über Marotten von mir amüsieren. Zum Beispiel über meine Datensparsamkeit einerseits und mein Blog andererseits.
Mittlerweile halte ich es für unmöglich, auf Dauer im Internet unsichtbar, Pardon: un-Googlebar zu bleiben. Geht einfach nicht. Eines von vielen Schlüsselerlebnissen für mich: mein Großvater hat vor rund 80 Jahren einige Zeit als Arbeiter in Argentinien gelebt. Niemand weiß mehr so genau, wann. Niemand? Doch, die Bremer Passagierlisten 1920 - 1939 wissen sein Alter, seinen Beruf, seinen Familienstand, seine Begleitung, den Schiffsnamen und sein Abreisedatum auf den Tag genau und sind als Datenbank online verfügbar. Muss man paranoid sein, um von einem solch langen Datenschatten aus einer Ära ohne jeden Computer überrascht zu sein?
Was aber steckt hinter der Paranoia? Mal ehrlich: ich will die Kontrolle darüber haben, was von mir sichtbar ist. Und für wen. Und am besten auch noch, wie es gesehen und interpretiert wird. Undundund…
Aber «Kontrolle» klingt so negativ. Neudeutsch heißt das jetzt «Informationelle Selbstbestimmung», oder noch schöner, wen man schon den Zugriff auf persönliche Details nicht ganz verhindern kann, wenigstens «Reputationsmanagement». Jochen Mai schreibt auf karrierebibel.de regelmäßig über letzteres. Wie Sie nicht gesehen werden möchten, sagt viel über Ihre Werte aus. - Über Manien nachdenken
Streiten Sie sich häufig oder mit vielen Anderen über immer dieselben Themen? Wirft man Ihnen oft vor, sie würden sich fanatisch und exzessiv mit einem winzigen Teilbereich des Lebens auseinander setzen, dabei aber sehr wichtige und große andere Bereiche vernachlässigen?
Wenn Sie in verschiedenen Kreisen auf verschiedenen Wegen unterschiedlichen Zuspruch für Ihr Thema ernten - kein Problem. Wenn Sie überhaupt nur in hochspezialisierten Internetforen auf Gleichgesinnte treffen - nicht gut.
Vielleicht - und diesen Gedanken können Sie gefahrlos im Kopf durchspielen, Gedanken sind ja frei - machen Sie andere Lebensbereiche ratlos, ängstlich oder immer nur wütend - und Ihre Manie ist eine Ersatzbefriedigung für das echte, aber unerreichbar scheinende Ding?
Ich misstraue mir selbst immer dann, wenn ich beim 5-fachen Warum schon nach dem ersten oder zweiten Schluß machen will, weil ich mich unter Rechtfertigungszwang fühle. Für mich bedeutet dieser Widerwillen, dass ich nicht aus Entdeckerfreude nach dem Warum frage, sondern eher andere argumentativ bezwingen oder ganz einfach ablenken will. Hier versteckt sich manchmal ein ganz anderer Wert, der ans Tageslicht gefördert werden sollte. Vielleicht ist er nur deshalb so tief unter einer Manie vergraben, weil die Verwirklichung sehr anstrengend wäre? - Über Schmerzliches nachdenken
Was hätten Sie jemandem noch gerne gesagt? Was mit ihr oder ihm noch gerne unternommen? Eine Liebe, einen Freund, einen Vertrauten - weniges bereitet so viel Schmerz wie der Verlust eines Menschen. Was hat das Leben Ihnen durch diesen Menschen geschenkt? Ist es jetzt an Ihnen, das an andere weiter zu geben?
Und was waren Ihre Aha-Momente? Schreiben Sie doch gleich hier unten einen Kommentar dazu!






Comments
Mir gefällt der zeitlose
Mir gefällt der zeitlose Ansatz. Kann die Titel (47 ways to say nothing etc.) schon nicht mehr sehen.
Habe mir erlaubt den Beitrag zu verlinken, allerdings bin ich noch Neuling, weiß nicht wie das mit trackback funktioniert.
Was sind denn für dich Werte? Konkret bzw. was ist als Wert definiert. Ich muss sagen, fühle mich relativ sicher, Aussagen über meine zu treffen: Offenheit, Verantwortung, Freiheit… Wobei für jeden das wohl etwas Anderes bedeutet, also man eigentlich ins Detail gehen müsste. Vllt treffe ich auch auf eine Überraschung, wenn ich wirklich tiefer nachdenken würde.
Das war’s fürs erste, Anregungen sind immer willkommen. :)
besten Gruß,
ulrich
Werte
@Ulrich: Ein Wert ist für mich eine subjektive (!) Entscheidung für einen persönlichen oder kulturellen Maßstab.
Ich bin mir nicht sicher, ob es universelle Werte gibt, finde es aber erstaunlich, dass einige Werte weltweit kompatibel sind; mir scheint es, als ob sich die viel beschworene “Menschheit” zumindest bei der Vermeidung von Leid (und dort zumindest theoretisch) halbwegs einig zu sein scheint.
Für mich persönlich sind Werte wichtig, um daraus Prinzipien für mein Handeln ableiten zu können. Aus meiner Sicht geht das umso leichter, je universeller meine Werte sind. Frei machen muss man sich allerdings von der Illusion, immer und jederzeit im Einklang mit allen seinen Werten leben zu können. Wertekonflikte auszuhalten und darin schuldig zu werden scheint zum Menschsein dazu zu gehören.
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