Mission Possible: In 3 Schritten zu Ihrem Persönlichen Leitbild


Lipstick © Simon EvansLipstick © Simon EvansWas Stephen R. Covey etwas martialisch «Mission Statement» nennt, heißt bei uns eher «Leitbild». Braucht man eines? Zu welchem Zweck?

Nehmen wir lieber mal keine Parteiprogramme oder Selbstdarstellungen von Unternehmen zum Vorbild. Ein persönliches Leitbild zu formulieren und aktuell zu halten kann dagegen richtig Spaß machen. Gut formuliert hilft es

  • bei Orientierungsfragen: Nach welchen Werten lebe ich eigentlich?
  • bei Identitätsfragen: Wie kann ich in einer chaotischen Welt (m)eine Persönlichkeit entfalten?
  • bei Entscheidungen: Woran halte ich mich in schwierigen Situationen?
  • bei Partnerschaftsfragen: Was können andere von mir erwarten?

Wie formuliert man sein Leitbild gut? Meine persönlichen Kriterien dafür sollen überschaubar bleiben, mein Leitbild muss:

  • relevant und positiv sein. Mein Leitbild soll hier und jetzt für mich Bedeutung haben, nicht erst in einer perfekten Zukunft, für die gesamte Menschheit. Es soll mich für heute und morgen inspirieren, nicht nur im Nachhinein kontrollieren. Es soll mein selbständiges Denken anregen, statt es zu blockieren oder mit Klischees abzufüttern.
  • universell sein. Ich brauche kein separates für die Arbeit, dann noch eines für zu Hause und schließlich vielleicht noch welche für den Urlaub, für die Verwandtschaft, für die Nachbarschaft und für den Hund - nein Danke. Außerdem soll mein Leitbild auch für andere attraktiv sein, nicht nur, weil ich dem kategorischen Imperativ einiges abgewinnen kann sondern auch, weil jeder früher oder später lernt, dass es zu viele Kräfte bindet und verschwendet, sich prinzipiell auf Kosten anderer durchzusetzen.
  • alltagstauglich sein. Ich will ein Leitbild, dass mir Kompromisse sowohl ermöglicht als auch sie spürbar begrenzt. Ich habe kein Bedürfnis nach ständiger Selbstgeißelung, weil ich einem fundamentalistischen Leitbild nie gerecht werden könnte. Ebenso wenig auf ein wolkiges Leitbild, das nie zu Konflikten führt.
  • kurz sein. Mein Leitbild muss auf eine Seite Papier passen. Es wird sich nicht jede Woche ändern, aber ich muss es jede Minute ändern können - und das geht nicht mit einem halben Roman.

Und was bedeutet das nun konkret? Wie komme ich zu meinem Leitbild? Das geht in drei Schritten.

 

Schritt 1: Den Aufbau festlegen

Es gibt keine feste Form für ein Leitbild, aber erprobte Strukturen. Leider sind sie für Leitbilder von Unternehmen gedacht und meist ziemlich umfangreich.

Meiner Meinung nach genügen zwei Abschnitte:

  1. Werte - subjektive Entscheidungen für persönliche oder kulturelle Maßstäbe von gut oder schlecht (schlecht, nicht böse).
    Hier ist nicht der Platz für Wenn und Aber. Relativierendes und Wertekonflikte sind unausweichlich, aber sie gehören nicht in die Liste meiner Werte.
  2. Prinzipien - Leitlinien, die ich befolgen will, wenn ich mein konkretes Verhalten in verschiedenen Bereichen an meinen Werten ausrichten will.
    Im alltäglichen Sprachgebrauch wird «Prinzip» eher als ein Grundsatz verstanden, gegen den man seiner Überzeugung nach nicht verstoßen kann, ohne seinen Werten zu schaden. Das klingt schon recht einseitig - Prinzipien, die nur verbieten und nichts gestalten sind für mich zu dürftig.
    Ein Prinzip ist auch keine Strategie, kein «längerfristig ausgerichtetes planvolles Anstreben einer vorteilhaften Lage oder eines Ziels», wie die Wikipedia Strategie definiert. Prinzipien sollen Werte permanent lebbar machen oder schützen, es gibt also einen Weg, aber kein Ziel.

Diese beiden sollten genügen, um eine stabile Grundlage für mein Handeln zu schaffen. Es gibt Leitbilder, die auch Visionen, Ziele, Rollen oder sogar wünschenswerte Verhaltensweisen definieren. Ein solches Leitbild wäre aber weder universell noch kurz, ich müsste es also öfter ändern, als mir lieb ist und es würde kaum auf eine Seite Papier passen.

 

Schritt 2: Die eigenen Werte finden

Ich habe bereits einmal über direkte und indirekte Wege zu den eigenen Werten etwas geschrieben, hier also nur die Liste der dort beschriebenen Wege:

  • Über Bewunderung nachdenken
  • Über Rollen nachdenken
  • Über Wunschträume nachdenken
  • Über Flow-Momente nachdenken
  • Über Glücksmomente nachdenken
  • Über Konfrontationen nachdenken
  • Über Zynismus oder Sarkasmus nachdenken
  • Über Paranoia nachdenken
  • Über Manien nachdenken
  • Über Schmerzliches nachdenken

Für mich persönlich führt dieses Nachdenken unter anderem zu meinen Werten Einfachheit, Respekt und Lernen. Kurzer Test: ja, alle drei sind relevant, positiv, universell, alltagstauglich und kurz. Und auf welche Werte kommen Sie?

Schritt 3: Aus den Werten Prinzipien ableiten

Prinzipien sind keine Platitüden. Eine Platitüde ist eine Aussage, deren Gegenteil sich ohnehin niemand wünscht. Prinzipien sind dagegen potentiell strittig, vermutlich, weil sie sich schon auf bestimmte Lebensbereiche beziehen.

«Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.»
Groucho Marx

Wie komme ich zum Beispiel von den Werten Einfachheit, Respekt und Lernen zu Prinzipien, die mir die Wahl meiner Handlungen und Mittel im Alltag erleichtern?

Der Schlüssel liegt in für mich in Situationen. Jede im Leben ist einzigartig. Die meisten, und das ist das seltsame daran, sind zugleich vertraut. Ich nutze deswegen zwei Wege zu Prinzipien: den Weg über das Unbekannte und den Weg über das Bekannte.

Das Unbekannte, oder: Die Kraft des Hätte ich doch…

Lassen Sie alle Situationen Revue passieren, in denen etwas Sie auf dem falschen Fuß erwischt hat. In denen Sie nicht Ihren Werten entsprechend reagiert haben. In denen Sie sich gesagt haben: «Hätte ich doch…»

In welchen überraschenden Situationen haben Sie zum Beispiel etwas getan, was den Werten Einfachheit, Respekt und Lernen geschadet hat?

  • Hat die Begeisterung für einem brandneues Hi-Tech-Spielzeug über die Einfachheit gesiegt, obwohl Sie schon ein ähnliches Gerät besitzen?
  • Wurden Sie in Ihrem Stammrestaurant derart schlecht bedient, dass Sie sich respektlose, persönlich abwertende Bemerkungen gegenüber der Servicekraft nicht verkneifen konnten?
  • Wollten Sie es wider besseres Wissen einem guten Kollegen mal so richtig zeigen und Ihren Kopf durchsetzen, anstatt einen Fehler in Ihrer Arbeit einzugestehen und vom Kollegen etwas Neues zu lernen?

Welche Leitlinien hätten das verhindern können? Wenn ich über die drei beschriebenen Situationen nachdenken, fallen mir als Prinzipien zum Beispiel ein:

  • One in, one out.
    Ich mache es mir zum Prinzip, etwas Neues nur als Ersatz für etwas Altes zu kaufen und das Alte dann sofort zu spenden, zu verkaufen oder wegzuwerfen.
  • Greif das Problem an, nicht die Person.
    Ich mache es mir zum Prinzip, klar zu durchdenken und auszusprechen, was mich stört.
  • Sei Teil der Lösung, nicht des Problems.
    Ich mache es mir zum Prinzip, meinen Kollegen einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Das Bekannte, oder: Prinzipien im Kontext

Es gibt Schnittpunkte von Menschen, Orten, Situationen, Ressourcen, etc., die sich im Leben ständig wiederholen. Ich nenne das Kontexte, genau im Sinne von David Allens Methode Getting Things Done (GTD). Per Konvention werden Kontexte dort mit einem vorangestellten @ markiert. Ich habe andernorts schon beschrieben, was ein Kontext ist und wiederhole hier nur noch die Liste:

  • Menschen. Beispiele: @Jochen, @Eltern.
  • Rollen und Dienstleister. Beispiele:: @Chef, @HNO-Arzt, @DHL.
  • Orte. Beispiele: @Schreibtisch, @Zuhause, @Büro, @Club, @Büro Frankfurt.
  • Besorgungen. Beispiele: @ALDI.
  • Agendas wiederkehrender Ereignisse. Beispiele: @Wöchentliche Abteilungsbesprechung.
  • Wiederkehrender Leerlauf. @Morgenkaffee, @Fitnessstudio, @Jogging, @Pendeln.
  • Verplante Zeitspannen. Beispiele: @Lesezeit, @Kreativzeit.
  • Benötigte Mittel und Werkzeuge. Beispiele: @Online/Internet, @PC-Offline/Mac überall, @Telefon/Anrufe, @Email.
  • Gewohnheiten. Beispiele: @Zuhause.2Minuten.

Kontexte bieten wunderbare Gelegenheiten für das Ableiten von Prinzipien, weil sie per Definition wiederholt auftreten. Welche Prinzipien fallen Ihnen je Kontext zu den Werten Einfachheit, Respekt und Lernen ein? Mir zum Beispiel diese drei:

  • Vermeide Multitasking.
    Ich mache es mir zum Prinzip, meine Aufgaben nach ihrem Kontext zu bündeln, damit ich sie einfacher erledigen kann und Multitasking vermeide.
  • Respektiere gute Arbeit.
    Ich mache es mir zum Prinzip, gute Arbeit wahrzunehmen und meine Wertschätzung auch auszudrücken, besonders bei Dienstleistern und bei Berufen, die ich selbst nicht ausübe.
  • «Wenn ich stehe, dann stehe ich / wenn ich gehe , dann gehe ich
    wenn ich sitze, dann sitze ich / wenn ich esse, dann esse ich / wenn ich spreche, dann spreche ich.»
    Ich mache es mir zum Prinzip, meine Aufmerksamkeit ganz der aktuellen Aufgabe zu widmen, damit ich möglichst viel dabei lerne.

Und los!

Es ist offensichtlich, dass es eine Weile dauert, bis man mit seinem Persönlichen Leitbild zufrieden ist. Ich sammle immer wieder neue Erkenntnisse und überarbeite mein Leitbild ungefähr jedes halbe Jahr. Wenn es nicht mehr auf eine Seite passt, zwinge ich mich zu Kürzungen.

Und wie sind Sie zu Ihrem Leitbild gekommen? Schreiben Sie doch unten einen Kommentar!

Comments

Leitbilder durch Urlaubsvisionen

Hallo, ich konnte meine Werte und ein Gesamt-Persönliches Ziel (also Leitbild) durch die intensive Vorstellung von besonders schönen Urlaubserinnerungen erarbeiten. Fragen, die ich mir gestellt habe waren: Was war mir besonders wichtig, wo, wie und warum habe ich mich dort so “perfekt” gefühlt, wie kann ich diesen erstrebenswerten Zustand im Alltag beibehalten und abrufen?

Gruß

Gute Idee!

@Andrea: Noch eine gute Idee, dankeschön!

Mein Leitstern

Ich habe die folgenden beiden Übungen gemacht:

1:) Formulierung eines Leitsterns:
Die folgenden Sätze werden spontan ergänzt.

Ich möchte in einer Welt leben, die voll ist von…

• (hier fünf Eigenschaften aufzählen)

Ich möchte folgende Dinge tun und an andere weitergeben:

• (hier fünf Dinge aufzählen)

Die herausragenden Merkmale, die am besten beschreiben, wie ich bin oder wie ich sein möchte, sind…

• (hier fünf Merkmale aufzählen)

Die jeweils wichtigsten Punkte zu jeder Frage werden in folgenden Satz eingesetzt:

Ich erfülle meinen Lebenssinn, indem ich eine Welt schaffen helfe, die voll von …(hier den wichtigsten Punkt aus Teil 1 einsetzen) ist, indem ich …(hier den wichtigsten Punkt von Teil 2 einsetzen) weitergebe und …(hier den wichtigsten Punkt von Teil 3 einsetzen) manifestiere.

2.) Variante nach Jack Canfield „Kompass für die Seele“:

Zwei meiner besonderen persönlichen Eigenschaften:

Zwei Wege, wie ich diese Eigenschaften im Umgang mit anderen ausdrücke:

Die Welt in perfektem Zustand: wie sieht diese Welt aus? Wie gehen die Menschen miteinander um? Wie fühlt es sich an, in dieser Welt zu leben?

Zustandsbeschreibung dieser Vision im Präsens:

Die Antworten der drei obigen Abschnitte in einer zusammenfassenden Aussage:

Mein Lebenssinn besteht darin, meinen … und meine … dafür zu nutzen, anderen dabei zu helfen, eine Welt …, indem ich …

Liebe Grüße, Claudia

"Ich möchte in einer Welt leben..."

@Claudia: Danke, das sind sehr inspirierende Tipps! Mir gefällt vor allem sehr gut, dass sie das Denken erstmal von den direkten Fragen (…was sind meine Werte? …) wegschubsen - damit man dann mit guten Antworten zurück kommen kann.

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