Schummeln ist gut!


Not much is allowed in Wembley © David CurranNot much is allowed in Wembley © David CurranMenschen, die sich nicht an die Regeln halten, sind uns oft suspekt.

Das sind keine Teamplayer. Man kann nichts mit ihnen auf die Beine stellen. Sie sind unzuverlässig. Sie hauen ab, wenn es hart auf hart kommt. Sie weichen aus. Sie stellen sich keiner Aufgabe. Sie schummeln, lügen und betrügen sich ihren Weg durchs ganze Leben.

Wirklich?

Vor gut 2.300 Jahren

…stand Alexander der Große vor einem Bündel aus kunstvoll verknoteten Seilen,

die am Streitwagen des Königs Gordios von Phrygien […] befestigt waren. Sie sollten die Deichsel des dem Zeus geweihten Wagens untrennbar mit dem Zugjoch verbinden. […]

Der Legende nach prophezeit ein Orakel, dass nur derjenige, der diesen Knoten lösen könne, die Herrschaft über Persien erringen würde. Viele kluge und starke Männer versuchten sich an dieser Aufgabe, aber keinem gelang es. (aus: Wikipedia)

Soweit die Spielregeln. Die Lösung Alexanders ist bekannt: er hieb den Gordischen Knoten mit seinem Schwert einfach durch.

War das Betrug?

Hätte er durch Fummeln an den Fäden eindrucksvoll seine Führungsqualitäten bewiesen? Den persischen König in Angst und Schrecken versetzt? Oder war der Schwerthieb ein wichtiger, gar notwendiger Teil der Lösung? Ein Signal einer Person, die das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen konnte?

Denken Sie mal darüber nach: an wie viele Spielregeln halten Sie sich, die Sie nicht weiter bringen? Die Ihr Ziel in weite Ferne rücken lassen? Die Sie mit Scheinaktivitäten beschäftigen sollen?

Vor 515 Jahren

Christoph Kolumbus wird nach seiner Rückkehr aus Amerika während eines Essens bei Kardinal Mendoza im Jahr 1493 vorgehalten, es sei ein Leichtes gewesen, die «Neue Welt» zu entdecken, es hätte dies schließlich auch jeder andere vollführen können.
Daraufhin verlangt Kolumbus von den anwesenden Personen, ein gekochtes Ei auf der Spitze aufzustellen. Es werden viele Versuche unternommen, aber niemand schafft es, diese Aufgabe zu erfüllen. Man ist schließlich davon überzeugt, dass es sich hierbei um eine unlösbare Aufgabe handelt, und Kolumbus wird darum gebeten, es selbst zu versuchen.
Dieser schlägt sein Ei mit der Spitze auf den Tisch, so dass sie leicht eingedrückt wird und das Ei stehen bleibt. Als die Anwesenden protestieren, dass sie das auch gekonnt hätten, antwortete Kolumbus: «Der Unterschied ist, meine Herren, dass Sie es hätten tun können, ich hingegen habe es getan!» (aus: Wikipedia)

Keine große Kunst? Geschummelt?

Oder eher, mit Mór Jókai: «Forschen heißt: sehen, was jeder schon gesehen hat, aber dazu denken, was noch keiner gedacht hat.»?

Denken Sie mal darüber nach, welche Spielregeln Ihr Denken gefangen halten. Verwechseln Sie ein Spiel unbewusst mit der Realität? Wo müssten Sie gedanklich einen Schritt zurück treten, um das Spiel als solches wahr zu nehmen?

Vor 145 Jahren

Verstehen Sie die Abseitsregel ganz genau? Nein? Aber den Sinn bestimmt: Es ist ganz einfach verboten, sich allein vor den gegnerischen Torwart zu stellen, den Ball anzunehmen und dann gemütlich ins Tor zu schießen. Dieses Verbot ist schon erstaunlich alt:

Die Grundregel des Abseits (Schweiz eher: Offside) entstand bereits 1863 in England. […] Die Begründung war, es sei unfair, hinter dem Rücken des Gegners ein Tor zu erzielen. Die Regel soll auch verhindern, dass sich ein angreifender Feldspieler in der Nähe des gegnerischen Tors platziert, auf den Ball wartet und ihn dann mühelos einschiebt. Damals mussten noch mindestens drei verteidigende Spieler zwischen der Torlinie und dem Angreifer positioniert sein. (aus: Wikipedia)

Tja, und was ist die Abseitsfalle? Wenn die Spieler einer Mannschaft geschlossen in Richtung gegnerisches Tor stürmen, damit vor dem eigenen Torwart ein einsamer Gegenspieler übrig bleibt - der dann zwangsläufig im Abseits steht, sobald er den Ball bekommt.

Das entspricht nicht wirklich der Motivation hinter der Abseitsregel. Ziemlich fies, oder?

Denken Sie mal darüber nach, welche Regeln zu Ihren Ungunsten aufgestellt wurden, aber zu Ihren Gunsten verwendet werden können. Suchen Sie nicht die Lücke in der Regel, sondern die Stelle, an der die Regel auch gilt, wider Erwarten.

Vor 20 Jahren

1986, an einem Trainingstag, hatte Jan Boklöv ein Problem, das er in Sekundenbruchteilen lösen musste. Schaffte er es nicht, würde er regelrecht abstürzen - für einen Skispringer mitten im Sprung ziemlich unangenehm.

Boklöv pfiff auf die Eleganz, spreizte seine Skier blitzschnell aus einer parallelen in eine improvisierte, V-förmige Haltung und vermied so den Sturz. Was ihn verblüffte: er flog dabei auch noch weiter als mit der gängigen Technik.

In seinen ersten Wettkämpfen hatte er noch wenig Erfolg, es dauerte zwei Jahre, bis er den V-Stil perfektioniert hatte. Nach Meinung der Fachwelt sah das Ergebnis einfach grottenschlecht aus. Boklöv kassierte gravierende Abzüge bei den Haltungsnoten, konnte das aber durch seine Sprungweiten wieder wett machen. Heute springt die Weltspitze geschlossen im V-Stil.

Skisprünge sollen nicht nur weit, sondern auch schön sein, deshalb wertet man Weite und Haltung nach festen Regeln. Boklöv machte die Sprünge vor allem weiter - so weit, dass sie für einen Sieg nicht mehr im klassischen Sinn schön sein mussten. Ein Regelmissbrauch?

Denken Sie mal darüber nach, ob Sie vielleicht zu oft dem Deutschen Dreisatz folgen: «1. Das haben wir noch nie so gemacht! 2. Das haben wir schon immer so gemacht! 3. Da könnte ja jeder kommen!»

Letztes Jahr

Kennen Sie Tim Ferriss? Er wettete, bei chinesischen Meisterschaften im Kickboxen eine Medaille gewinnen zu können. Und er gewann sie.

Allerdings nicht durch Kickboxen. Weil die Teilnehmer schon am Vortag des Kampfes gewogen wurden, machte er seinen Körper durch Dehydrieren fast 28 Pfund leichter. In der Nacht vor dem Kampf nahm er wieder extrem viel Wasser auf. Seine Gegner konnte er dank Masse dann buchstäblich von der Matte schubsen.

Wie unsportlich? Es gibt zumindest jede Menge feindselige Kritik an Ferriss' Theorien, wie diese hier.

Denken Sie mal darüber nach, wo traditionelle Regeln keinen offensichtlichen Sinn ergeben oder sperrangelweite Lücken eröffnen. «Alles Populäre ist falsch», sagt Oscar Wilde. Wird eine altbekannte Regel wirklich missbraucht, oder ist sie einfach nur nicht durchdacht?

Und heute, bei Ihnen?

Was halten Sie davon, Regeln kreativ zu eigenen Gunsten zu biegen? Schreiben Sie doch gleich hier unten einen Kommentar dazu!


Comments

Wer ist Teamplayer?

Gute Beispiele für innovative Ideen aus einem ganz großen Zeitraum.
Manchmal sind die Spielregeln einfach zu alt. Manchmal sind sie nur mit gewissen – als evident betrachteten – Voraussetzungen gültig.
„Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, sind keine Teamplayer.” Damit kann ich auch nicht einverstanden sein. Leute, die immer dieselbe denken, und immer alle Regeln gehorsam folgen, bilden nicht eine gute Mannschaft, sondern eine Bürokratie in Max Webers Art. Ein idealer Teamplayer hat eigene Ideen und kann auch die Ideen von anderen schätzen.
Noch eine Frage: im welchen Werk hat Mór Jókai diesen Satz geschrieben?

Wenn ich zurueck bin...

@Réka: Danke! Das Zitat kann ich leider erst nachsehen, wenn ich von Kreta zurueck bin - schoene Gruesse einstweilen aus Agios Nikolaos!

Schummeln?

Ich bin nicht sicher, ob in diesen Beispielen wirklich geschummelt wurde. Die Leute haben das Regelwerk durchschaut und eine Lücke gefunden. Am Augenfälligsten ist das bei Tim Ferriss. Das ist allerdings ein Grenzfall, der mir eigentlich etwas aufstösst. Er hat den Sport zur Farce gemacht, wenn man so will. In den anderen Beispielen wurden die Regeln bzw. ihre Ungenauigkeiten eigentlich nur benutzt, um einen eigenen Vorteil zu haben, ohne gleich das Spiel sinnlos zu machen.

Beim Knoten oder beim Ei des Kolumbus könnte man zwar sagen, dass das ein fauler Trick war, aber trotzdem muss man zugeben, dass sie die einzigen waren, die ihn auch durchschaut und eine kreative Lösung gefunden haben. Und vor allem: Alle haben sich an die Regeln gehalten. Es geht also eigentlich gar nicht um Regelbruch, sondern um das Überwinden von Gewohnheiten, vielleicht sogar Sitten oder ungeschriebenen Gesetzen, aber sicher um das kreative Finden neuer Lösungen. Und das finde ich immer super!

Gruss
 Ivan

P.S.: Toller Beitrag übrigens! Gefällt mir sehr gut!

P.P.S.: Schöne Ferien noch auf Kreta, falls Du nicht schon zurück bist!

Betrug?

Ist schwer Betrug richtig zu definieren, rein theoretisch sobald ich mir einen Vorteil verschaffe, müßte man von Betrug reden

Nehm ich vor einer Klassenarbeit Traubenzucker zu mir, “pushe” ich mich ja und hab eventuell einen Vorteil, Betrug?

Im Sport allgemein z. B. bei den Schwimmern, die Einen besitzen z. B. Hightechanzüge, die weniger Abtrieb verursachen, Betrug?

Sowas zu definieren ist fast unmöglich, Dopping ist allgemein Betrug, nur andere Hilfsmittel werden meist ignoriert.
Sportlich ist es sowieso schwer, aufgrund der unterschiedlichen Budgets der jeweiligen Nationen, einen wahren Champion ausmachen, da auch eventuell ein Läufer X einen besseren Schuh hat als Läufer Z usw.

Aber das von diesem Tim ist dreist oder einfach nur genial, je nachdem von welcher Seite man sich das Ganze betrachtet :)

Oder sind diese ganzen Vorteile einfach nur Kreativität?

Forschung

@Réka: sorry, ich kann keine Quelle zum Zitat finden. Es wird auch noch Arthur Schopenhauer und Albert von Szent-Györgyi zugeschrieben, auch hier ohne genaue Quellenangabe, sorry!

Regelbruch

@Ivan: Weil Regeln nie perfekt formuliert werden können (sonst wäre ja “Dienst nach Vorschrift” etwas Tolles und es bräuchte auch keine Fußball-Schiedsrichter mehr!) ist vermutlich vielen ein Verstoß gegen “ungeschriebene” Regeln am unsympathischsten, oder?

Interessant finde ich dabei, dass diese Verstöße mit immer größerem zeitlichen Abstand immer weniger kritisch bewertet werden. Ich vermute, weil dann das “Spiel”, dessen Regeln gebrochen werden, weniger Bedeutung hat oder besser: weil es durch das Spiel “v2.0” ersetzt wurde :-)

Doping

@darky: irgendwie bleibt es wohl illusorisch, alle Wettkampf-Teilnehmer unter denselben Bedingungen antreten zu lassen. Ist Doping verboten, gewinnen die mit den aktuell nicht nachweisbaren Mittelchen im Körper. Ist es erlaubt, gewinnen die mit dem Geld für das beste Mittelchen. Gedopt wird aber so oder so… 8-|

Kommentare

@Rolf:
Vielen Dank für die Forschung. Irgendwo habe ich auch Szent-Györgyi als Quelle gesehen. Jedenfalls: eine treffende Definition.
@darky:
Die verschiedenen Vorteile und Nachteile kombinieren sich miteinander. Es ist oft auch schwierig zu entscheiden, ob ein Vorteil ein Geschenk vom Glück ist, oder etwas, woran früher viel gearbeitet wurde.

Kreative Nutzung der Regeln

Hallo Rolf,

schließe mich Ivan an. Bei Deinem Beitrag geht es eigentlich nicht um Schummelei, sondern um Regeln und deren (kreative) Nutzung.

Zu den diversen Regelwerken fällt mir ein: Wer lesen kann (wie z.B. Tim Ferris) war schon immer im Vorteil.

Eigenes Beispiel:

Sommer 1995. Meine mündliche Prüfung zum Management Consultant (VWA) steht an. Vier komplexe Fachgebiete werden von zwei Porfessoren abgefragt. Jeder Professor hat zwei Spezialgebeite.

Meine Kommiltionen fangen an zu lernen. Ich nicht. Ich lese die Prüfungsordnung und merke: Egal welche Note ich in der müdlichen Prüfung erreiche, ich schließe das Studium mit der Note 2 ab.

Mein persönliches Fazit: Bei dieser Ausgangssituation lerne ich nicht auf die Prüfung. Keine Minute.

Ergebnis: Mündliche Prüfung = 3. Endnote = 2.

Geschummelt?

PS: Es gab nur einen peinlchen Moment in der Prüfung. Als mich einer der Professoren fragte, auf welches seiner Spezialgebiete ich mich besonders vorbereitet habe. Und ich nicht mal die Spezialgebiete der einzelenen Prüfer wusste.

PPS: Nachahmung nur bedingt empfohlen. Wenn, dann auf eigenes Risiko.

"Schummeln"

@Peter: in der Prüfung wäre ich gern Zaungast gewesen ;-)

Im Gespräch mit Freunden merke ich, dass die Einordnung unter “Schummeln” sehr subjektiv und damit unterschiedlich ausfällt. Hier i den Kommentaren wird das Ganze erstaunlich positiv gesehen!

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